Unter Harninkontinenz versteht man unfreiwilligen, nicht beeinflußbaren und teilweise unbemerkten Urinabgang.


Häufigkeit und Erscheinungsformen

In Deutschland sind rund 6,6 Millionen Menschen von einer Harninkontinenz betroffen. Experten schätzen jedoch die Zahl noch höher ein und betonen, dass der Anteil der Frauen deutlich über 50% liegt. Harninkontinenz ist keine reine Alterserscheinung. Nach einer statistischen Erhebung aus dem Jahre 2001 leiden bereits 7,7% der jungen Frauen zwischen 15 und 21 Jahren unter Blasenschwäche. Allerdings konsultieren nur vier von zehn Betroffenen ihren Arzt mit dieser oft als peinlich empfundenen Leiden.


In Abhängigkeit von der Ursache unterscheidet man die wichtigsten Formen der Harninkontinenz:


Harninkontinenz ist ein das Leben der Betroffenen sehr belastendes Leiden. Das Gefühl, ständig zur Toilette gehen zu müssen, hindert oft daran ein ganz normales Leben zu führen. Schon ein Einkaufsbummel kann zur Qual werden, längere Autofahrten oder die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen sind kaum möglich. Der ungewollte Urinabgang, der beim Husten, Niesen, Lachen oder durch schwere körperliche Anstrengung bei Sport oder Arbeit ohne Vorwarnung auftreten, bringt die Betroffenen in höchst peinliche Situationen. Die Angst, dass Außenstehende etwas merken oder riechen könnten, treibt viele Patienten in eine soziale Isolation.


Ursachen

Die häufigste Ursache für eine Blasenschwäche ist bei Frauen eine Erschlaffung der Beckenbodenmuskulatur bei allgemeiner Bindegewebsschwäche. Das kann der Fall sein nach mehreren Geburten, durch eine ererbte Bindegewebsschwäche und besonders häufig bei Frauen nach den Wechseljahren. Die gesamte Beckenbodenmuskulatur und das Bindegewebe einschließlich der Muskeln, welche die Harnröhre verschließen, sind wegen der durch den Hormonmangel bedingten Rückbildungserscheinungen im Klimakterium schlaff geworden.


Starkes Übergewicht, eine häufige Druckbelastung des Beckenbodens (z.B. durch Niesen, chronischen Husten, starkes Pressen bei Verstopfung oder auch beim Wasserlassen) und psychische Belastungen können ebenfalls eine Harninkontinenz zur Folge haben, ebenso Beeinträchtigungen am Verschlussmechanismus der Harnblase (z.B. verursacht durch Entzündungen, Geschwülste, Prostata- oder Harnröhrenerkrankungen, Nervenschädigungen, Operationen).

Bei Männern wird eine Inkontinenz häufig durch eine Prostatavergrößerung verursacht. Auch in der ersten Zeit nach einer Prostataoperation kann es zu unfreiwilligem Harnabgang kommen.


Funktion der Harnblase

In der Harnblase wird der von den Nieren ständig produzierte und über die Harnleiter dorthin transportierte Urin gespeichert. Die äußere Wandschicht der Harnblase, der sogenannte Detrusor-Muskel, besteht aus verflochtener, glatter Muskulatur, die sich bei Füllung nach allen Richtungen (außer nach unten) gleichmäßig ausdehnen kann. Innen ist die Blase von einer Schleimhaut ausgekleidet.

Beim Wasserlassen wird der Urin durch die Kontraktion (Zusammenziehen) des Detrusors (der Blasenmuskelfasern), das Öffnen des Blasenhalses und Erschlaffen der Beckenbodenmuskulatur über die Harnröhre entleert. Daran sind zur Steuerung Nervenstrukturen in Rückenmark und Gehirn beteiligt.


Harnblase und Harnröhre beim Mann

Die männliche Harnblase liegt zwischen dem Schambein (Symphyse) bzw. der vorderen Bauchwand und dem Enddarm (Rectum). Der Abfluss des Urins wird durch zwei Schließmuskel gehemmt, dem “inneren Schließmuskel“ (Blasenausgang und Prostata) und dem “äußeren Schließmuskel“ (Beckenbodenmuskulatur). Nach einer operativen Entfernung der Prostata muss dieser äußere Schließmuskel, d. h. die Beckenbodenmuskulatur praktisch alleine für den Blasenverschluss sorgen.


Harnblase und Harnröhre bei der Frau

Die weibliche Harnröhre liegt zwischen dem Schambein (Symphyse) bzw. der vorderen Bauchwand und der Scheidenwand (Vaginalwand), durch die sie nur durch eine dünne Schicht getrennt ist. Die Gebärmutter (Uterus) liegt auf dem Blasendach. Der Blasenverschluss erfolgt hier im Gegensatz zum Mann hauptsächlich durch die Beckenbodenmuskulatur, ein innerer Schließmuskel ist bei der Frau nicht vorhanden.


Der Beckenboden

Der Beckenboden erstreckt sich wie eine Muskelplatte vom Schambein bis nach hinten zum Gesäß. Durchbrochen wird er von den Körperausgängen, dem Enddarm , der Harnröhre und der Scheide. Auf dem Beckenboden lastet immer ein gewisser Druck, dem nur ein stabiles Muskelgefüge standhalten kann. Beim Wasserlassen öffnet er die Harnröhre und verschließt sie auch wieder. Damit dieser Verschluss auch sicher ist und nicht beim Lachen oder Husten undicht wird, sollte der Beckenboden trainiert werden. Die wenigsten Frauen besitzen ein Gespür für ihren Beckenboden. Dabei kann man die Muskeln des Beckenbodens ebenso anspannen und lockern wie die Muskeln von Armen und Beinen. Hilfreich ist die Vorstellung, der Beckenboden sei eine Schale, deren Boden beim Anspannen der Muskulatur in den Bauchraum gesogen wird.


Belastungsinkontinenz (früher Stressinkontinenz)

Unter Belastungsinkontinenz versteht man einen ungenügenden Harnröhrenverschluss unter Belastung. Der Schließmechanismus am Blasenauslass ist nicht mehr in der Lage dem Druck der gefüllten Blase oder einem plötzlich erhöhten Bauchinnendruck beim Husten, Niesen, Lachen, schwerem Heben oder beim Stolpern zu widerstehen. Der Urin geht dabei tropfenweise oder im Strahl ab, ohne dass dabei Harndrang besteht. Gynäkologische Veränderungen, die zu einer Vergrößerung des Winkels zwischen Blase und Harnröhre führen, sind die häufigsten Ursachen einer Stressinkontinenz. Sie trifft auf Frauen zu, deren bindegewebiger Halteapparat nicht in der Lage ist, das Gewicht der Gebärmutter zu stabilisieren. Diese Form ist bei Frauen nach den Wechseljahren aber auch bei jüngeren Frauen, die mehrere Kinder geboren haben, besonders häufig. Übergewicht wirkt sich durch die erhöhte Belastung zusätzlich negativ aus. Schuld daran ist die Verletzungsanfälligkeit des weiblichen Schließmuskelsystems, Minderung der Durchblutung und Gewebsabbau durch hormonelle Defizite während und nach den Wechseljahren, oder auch bei jüngeren Frauen in der zweiten Zyklushälfte durch einen relativen Östrogenmangel, sowie eine altersabhängige Rückbildung der quergestreiften Beckenbodenmuskulatur. Man sollte auch nicht vergessen, dass eine junge Frau, die drei bis vier Mal in der Woche joggt, ihren Beckenboden enorm strapaziert aber auch z.B. Trampolinspringen belastet den Beckenboden sehr stark.

Vorübergehend tritt die Belastungsinkontinenz auch relativ häufig nach einer Entbindung auf. Die Ursache ist hier eine Überdehnungen und Risse der Beckenbodenmuskulatur bei vaginaler Entbindung aufgrund einer Gewebeschädigung. Durch das „Absacken“ des Uterus vergrößert sich der Winkel zwischen Harnröhre und Blase und dadurch wird die Gefahr des unwillkürlichen Urinabgangs erhöht.


Dranginkontinenz

Bei der Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz) ist die Blasenmuskulatur (Detrusor) so verspannt, dass es bereits bei einen geringen Blasenfüllung zu Harndrang und oft sogar zu unwillkürlichem Harnabgang kommt. Schon eine Tasse Kaffee, aber auch Stress und Aufregung können dann einen kaum noch unterdrückbaren Harndrang auslösen. Als erstes muss bei diesen Symptomen ein Harnwegsinfekt ausgeschlossen werden, da es auch bei einer Blasenentzündung zu häufigem Wasserlassen und teilweise auch unfreiwilligem Harnabgang kommen kann.

Bei Frauen nach den Wechseljahren ist die Dranginkontinenz meistens durch einen Hormonmangel bedingt und durch eine entsprechende lokale Hormongabe gut behandelbar. Darüber hinaus können auch verschiedene andere Krankheitsbilder, wie ein Schlaganfall oder verschiedene neurologische Erkrankungen zu dieser Form der Inkontinenz führen.


In 30 – 50% der Fälle liegt eine Mischform von Drang- und Stress-Inkontinenz vor.


Überlaufinkontinenz

Eine seltene Form der Inkontinenz ist die sogenannte Überlaufblase. Infolge einer Abflussbehinderung (z.B. Prostatavergrößerung, Harnröhrenverengung, als Folge von Tumoroperationen im kleinen Becken, Bestrahlungen, neurologischen Erkrankungen, Stein oder Tumor) öffnet sich der Blasenhals ungenügend. Der Patient kann trotz stark gefüllter Blase und starkem Pressen nur geringe Harnmengen entleeren. Diese Form ist besonders gefährlich, weil es zu einem Aufstau des Urins über die Harnleiter bis in die Nieren kommen kann, was bei einem längeren Bestehen des Krankheitsbildes die Nieren schädigt und zum Nierenversagen führen kann.


Diagnostik

Durch eine genaue Befragung zur Vorgeschichte, eventuellen Erkrankungen und Operationen und zur Medikamenteneinnahme kann der Arzt bereits eine erste Einschätzung des Krankheitsbildes gewinnen. Außerdem wird eine Urinuntersuchung zum Ausschluss einer begleitenden und krankheitsverstärkenden Harnwegsinfektion durchgeführt.

Neben der körperlichen Untersuchung ist eine Ultraschalluntersuchung von Harnwegen und Blase erforderlich, einschließlich einer Restharnuntersuchung (d.h., ob die Blase nach dem Wasserlassen wirklich vollständig entleert ist).

Dazu kommen eventuell als weitere Untersuchungen eine Harnstrahlmessung, Blasendruckmessung (Urodynamik), Blasenspiegelung und Röntgenuntersuchung.


Therapie

Entsprechend den Ursachen kann eine gezielte Behandlung der Harninkontinenz auf unterschiedliche Weise erfolgen, allerdings bedarf es bis zum Erreichen einer deutlichen Symptomverbesserung mitunter eines längeren Zeitraumes (mehrere Monate).

Bei einer Schwäche der Beckenbodenmuskulatur ist es durch gezielte Übungen möglich, die Beckenboden- und Bauchmuskulatur zu kräftigen. Diese Übungen sollten unter Anleitung eines Physiotherapeuten erlernt werden und müssen dann regelmäßig täglich durchgeführt werden. Auch der Abbau von Übergewicht vermindert die Belastung des Beckenbodens.

In manchen Fällen kann zusätzlich zur Beckenbodengymnastik eine Elektrotherapie erfolgreich eingesetzt werden. Die Stimulation bestimmter Nervenfasern und Muskelgruppen führt zu einer Kräftigung des Blasenverschlussmechanismus. Hierbei werden niederfrequente Ströme über eine Vaginal- oder Rektalelektrode eingesetzt. Nach Abschluss der Elektrotherapie muss unbedingt weiterhin regelmäßig eine Beckenbodengymnastik durchgeführt werden.


Auch Medikamente können dazu beitragen, das Problem in den Griff zu bekommen. Bei Dranginkontinenz werden Medikamente eingesetzt, die den Druck in der Blase regulieren und damit die Speicherfähigkeit der Blase verbessern. Bei Belastungsinkontinenz helfen Substanzen, die den Schließmechanismus der Blase kräftigen.


Bei Frauen nach den Wechseljahren ist in den meisten Fällen eine lokale Verabreichung von Östrogenen z. B. in Form von Scheidenzäpfchen notwendig. Hierdurch lassen sich die Rückbildungserscheinungen an Harnröhre und Blase beeinflussen. Gemeinsam mit einer verbesserten Durchblutung kann so vor allem auch eine Dranginkontinenz günstig beeinflusst werden. Zusätzlich wird durch den Wiederaufbau der Schleimhaut auch ein Schutz vor Harnwegsinfekten erreicht.


Welche Therapie im Einzelfall empfehlenswert ist, sollte immer in Absprache mit dem behandelnden Urologen festgelegt werden. In manchen Fällen ist auch ein operativer Eingriff notwendig.

Alle weitern offenen Fragen, die Ihre eigene Behandlung betreffen, können nur nach einer vorherigen Untersuchung bzw. anlässlich eines persönlichen Gesprächs geklärt werden.